Gänsehaut und Tränen bei Bachs Johannespassion in der Stadtkirche.

Die Aufführung der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach am Palmsonntag war ein bewegendes und ergreifendes Erlebnis für die große zuhörende Gemeinde wie auch für alle Aufführende. Das Barockensemble mit seinen historischen Instrumenten ließ mit seinem ganz feingliedrigen transparenten Klang aufhorchen.

Unter der Leitung von Martin Hagner erklangen die phantastischen Stimmen von Jeannette Bühler (Sopran), Sarah-Lena Eitrich (Alt), Maximilian Vogler (Tenor), Richard Logiewa und Samuel Schick (Baß). Die Calwer Kantorei und der Ev. Kirchenchor Calw waren äußerst präsent und emotional hoch authentisch. Das Barockensemble mit historischen Instrumenten (Konzertmeisterin: Benedetta Costantini) begleitete mal transparent und zart, mal dynamisch führend und treibend. Und weil Kantor Martin Hagner am Pult eine Idee und eine genaue Vorstellung in sich trug, war die Musik aus einem Guss.

Trefflich kam die Dramatik der Leidensgeschichte Jesu zum Ausdruck, wie sie der Evangelist Johannes schildert. Die handelnden Personen wurden anschaulich in ihrem Reden, Handeln und mit ihren Motiven. Zerrissene Menschen, tragisch verstrickt, die bei allem ein Werkzeug des allmächtigen Vaters waren, der mit der "Erhöhung" des Sohnes ein einziges Ziel verfolgte: Die Erlösung der Welt. Und der, dem das Opfer zugemutet wurde, behält stets überlegen als "Sieger" das Feld. Er ist der Herrscher, seine Peiniger die getriebenen Marionetten. Diese Theologie wurde geradezu handgreiflich im Singen und Musizieren über fast zweieinhalb Stunden hinweg.

Und der Zuhörer wurde gefordert an diesem Abend. Kein gelassenes Zurücklehnen war möglich. Dazu war der Spannungsbogen zu stark gespannt, dazu waren die dramatischen Rufe des Chores (der Volksmenge) zu aufrüttelnd. Viel zu explosiv und impulsiv war das "Kreuzige ihn", viel zu mitreißend und turbulent die Wut des Volkes herausgesungen, als dass man gelassen bleiben könnte. Und dabei gelang es Hagner meist und meisterhaft mit klaren Gesten, die Emotion zusammenzuführen. Wie wichtig! Denn gerade hier zeigt sich Bachs besondere Meisterschaft, Gefühle in Musik umzusetzen.

Höhepunkte des mitreißenden Abends waren die dramatischen Rezitative. Den Solisten - allen voran dem Tenor Maximilian Vogler - gelang es kunstvoll, das Geschehen lautmalerisch empfindsam zu "erzählen". Man meinte, den "Backenstreich" Jesu und das Aufdrücken der Dornenkrone selber zu spüren. Es ging unter die Haut. Und als der Chor in nicht enden wollenden gefühligen Kaskaden der Trauer und der Hoffnung gleichzeitig die Grablegung Jesu als ein Hoffnungszeichen deutete ("Das Grab, so euch bestimmet ist und ferner keine Not umschließt, macht mir den Himmel auf und schließt die Hölle zu"), da hielten die Zuhörenden den Atem an - zwischen Weinen und Lachen.

Und dann nach zweieinhalb Stunden: Die Solisten als Chor im Publikum stimmen an: "Ach Herr, lass dein lieb Engelein am letzten End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen."  Gänsehautgefühl. Fast drängt es einen, mitzusingen. Das macht der große Chor: "Alsdenn vom Tod erwecke mich, dass meine Augen sehen dich in aller Freud, o Gottes Sohn, mein Heiland und Genadenthron!"

Und das gesungene Fazit: "Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich!

Atemlose Stille. Tränen. Nicht enden wollender Beifall. Großes Kino! Welch ein Erlebnis!

Erlebt von Dieter Raschko