Kirchenpflegerin Karin Pochert in den Ruhestand verabschiedet

Anklopfen musste man bei Karin Pochert nie. Ihre Tür im zweiten Stock im Calwer Haus der Kirche stand eigentlich immer offen. Und die Leute, die was von ihr wollten, machten davon regen Gebrauch. Nun ist sie nach fast 30jähriger Arbeit für die Gesamtkirchengemeonde Calw in den Ruhestand getreten.

Gedanken zum Abschied

Vielfalt mit Herz
Man weiß: Hier wird man nicht kurz angebunden abgefertigt. Und so ist die Kirchenpflegerin nicht nur die Spezialistin für die Geldangelegenheiten der Kirche, sondern stets auch gute Seele der Verwaltung, Abladeplatz für manchen Schmerz – und für nahezu alles zuständig. „Vielfalt mit Herz“ – hat mal sie mal jemand genannt. Von der Programmierung der Heizung im Pfarrhaus bis zur feinsten Kürbissuppe der Region – Karin Pochert kann alles – fast.

Als ich zum Interviewtermin an ihrer - trotz Corona – geöffneten Tür erscheine, spürt man schon: Hier ist Endspurt angesagt. Papier- und Aktenberge warten noch drauf abgearbeitet zu werden. Viel zu viel ist noch zu erledigen. Und doch – sie nimmt sich Zeit für einen Schwatz über ihre Arbeit, über die Zeit in Calw, ihre Gefühle jetzt vier Tage vor dem Abschied. Nein, ein Maßband, das die Anzahl der Tage bis zum Ruhestand zählt, hat sie nicht. Albern fände sie das, denn sie arbeitet ja gerne – und ihr Beruf ist nicht zu vergleichen mit dem eintönigen Warten des Soldaten auf das Ende der Kommisszeit, das nur mit Hilfe eines täglich zu kürzenden Maßbandes auszuhalten ist. Nein: Karin Pochert geht bis zum letzten Tag gerne ins Haus der Kirche. Auf die Frage, was ihr denn dann fehlen wird, kommt wie aus der Pistole geschossen: Die Kolleginnen und Kollegen. Es wird ihr wohl fehlen, das Ritual des täglichen gemeinsamen Frühstücks im Kollegenkreis.

Gelassenheit
Was ihr sicherlich nicht fehlen wird, sind die weit über 700 abendlichen Sitzungen, die sie absitzen musste in Kirchengemeinderat und Bauausschuss. Mit erstaunlicher Gelassenheit erträgt sie die, aber auch die Schlampigkeit mancher Pfarrerinnen und Pfarrer, manche Bürokratiehürde, die sie schier zum Verzweifeln bringt. Andrerseits: Wir lieben unsere Karin Pochert, weil sie uns gezeigt hat, dass ein Leben ohne to-do-Listen und Wiedervorlage auch möglich ist. Gelassenheit muss Karin Pochert aufbringen angesichts all der Dinge, um die sich in den letzten dreißig Jahren in ihrem Beruf geändert haben. Da ist manche Sau durchs Dorf getrieben worden. Manches wurde heiß gekocht und kalt beiseitegelegt. Mit Wehmut erzählt sie von Zeiten, in denen man im ruhigen Sommer Zeit hatte, aufzuarbeiten, was liegengeblieben war. Sie erzählt vom Beginn der Digitalisierung, die alles veränderte – meist zum Positiven, wie sie anmerkt – „wenn‘s denn funktioniert“.

Man hört sie erzählen und denkt: Da ist keine Bitterkeit, kein resigniertes Hinschmeißen und auch kein ermattetes Dahinschwinden. Nein, Sie geht planvoll und mit Energie in den Ruhestand. Man kann nicht sagen, dass der Ruhestand wie ein gefürchteter Feind über sie hereinbricht.

Es reicht
Außer einer Pause von sechs Monaten Elternzeit hat Karin Pochert seit ihrem 16. Lebensjahr gearbeitet. „Immer“, betont sie. Nächstes Jahr hätte sie in unserer Gesamtkirchengemeinde die 30 Jahre „voll gemacht“. „Es reicht!“, sagt sie, und schiebt verschmitzt hinzu: „Jetzt kommt ein Lebensabschnitt, in dem mir niemand mehr reinschwätzt, was ich zu tun und lassen habe.“ Die „große Freiheit“ nennt sie das. Das passende Gefährt dafür hat sie sich gegönnt. Den „Pössl“, mit dem sie die Welt erkundet, mal hier mal da, wo es ihr beliebt, oder wo gerade eine ihrer Lieblingsbands gastiert. Vor allem der Musik von La BrassBanda, ihrer „Medizin für Leib und Seele“, will sie nahe sein. Dem „Pössl“ sei Dank geht das nun.

Gute Fahrt!
So wünschen wir ihr allzeit gute Fahrt auf ihrer Lebensfahrt – immer den Träumen und der großen Freiheit hinterher. „Sorget nicht“ – dieses Wort von Jesus solle man sich in der Gemeinde mehr zu Herzen nehmen, sagt sie – auch in Geldsachen. Da hat sie nun leicht reden – unsere neue Ruheständlerin. Aber das wünschen wir ihr: Nicht nur in Geldsachen sorgenfrei unterwegs sein, sondern die Lilien auf dem Felde bestaunen, den Vögeln im Flug nachschauen, Freunde treffen, Musik auf der Seele und immer ein Lachen im Herz. Und dass sich die Festival-Bändchen an ihrem Handgelenk mehren mögen.

Adieu
Ach! Man könnte neidisch werden, wenn man es ihr nicht von Herzen gönnen würde. „Sorge nicht! Genieße die große Freiheit!“ – wünschen wir ihr und sagen wehmütig Adieu – Gott befohlen! Sie wird uns fehlen – die „Vielfalt mit Herz“.

Dieter Raschko